Inhaltsverzeichnis
- Kurzüberblick: Was leistet ein Barrierefreiheit-Check?
- Automatisierte Scanner verstehen: Stärken und Grenzen
- Wann ist manuelle Prüfung nötig?
- Bewertungsskala: AIM, Fehlerarten und menschliche Überprüfung
- Praktischer Ablauf: Schritt für Schritt Check-Workflow
- Beispiel-Check: Ein textbasierter Durchlauf
- Priorisierungsmatrix: Risiko, Nutzerimpact und Implementierungsaufwand
- Mapping: Befund zu WCAG 2.1 Level AA Erfolgskriterien
- CI-Integration: Beispiel mit curl und GitHub Actions
- Remediation-Guide: Typische Fehler und konkrete Fixes für Entwickler
- Vergleich: Kurzüberblick zu alternativen Prüfmethoden
- Reporting und Governance: Berichtsstruktur, Verantwortlichkeiten und Monitoring
- FAQ: Häufige Fragen und Missverständnisse
- Anhang: Prüflisten, Snippets und weiterführende Referenzen
Kurzüberblick: Was leistet ein Barrierefreiheit-Check?
Ein Barrierefreiheit-Check ist ein systematischer Prozess zur Überprüfung digitaler Produkte wie Webseiten oder Applikationen auf ihre Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderungen. Das Ziel ist es, Barrieren zu identifizieren und zu beseitigen, die Nutzer mit visuellen, auditiven, motorischen oder kognitiven Einschränkungen an der Interaktion hindern könnten. Ein gründlicher Check stellt sicher, dass Webinhalte wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust sind – die vier Grundprinzipien der Web Content Accessibility Guidelines (WCAG).
Der Prozess kombiniert in der Regel automatisierte Software-Scans mit manueller, Experten basierter Prüfung. Während Tools schnell Hunderte von Seiten auf technische Fehler wie fehlende Alt-Texte oder unzureichende Farbkontraste prüfen können, ist die menschliche Expertise unerlässlich, um die logische Reihenfolge, die Verständlichkeit von Inhalten und die Bedienbarkeit mit assistiven Technologien (AT) wie Screenreadern zu bewerten. Ein erfolgreicher Barrierefreiheit-Check liefert somit nicht nur eine Liste von Fehlern, sondern auch eine handlungsorientierte Anleitung zur Behebung.
Automatisierte Scanner verstehen: Stärken und Grenzen
Automatisierte Tools sind ein fundamentaler Bestandteil jedes Barrierefreiheit-Checks. Sie durchsuchen den Code einer Webseite und prüfen ihn gegen eine definierte Liste von Regeln, die sich meist an den WCAG orientieren. Ihre Stärken liegen in der Geschwindigkeit und Skalierbarkeit.
Stärken automatisierter Prüfungen
- Geschwindigkeit: Ein Scan kann Tausende von potenziellen Problemen auf einer gesamten Webseite in wenigen Minuten identifizieren.
- Konsistenz: Die Prüfungen folgen stets denselben Regeln und liefern reproduzierbare Ergebnisse.
- Früherkennung: Integriert in den Entwicklungs-Workflow (CI/CD-Pipeline), können sie Fehler bereits vor dem Deployment aufdecken.
- Abdeckung: Sie erkennen häufige technische Fehler wie fehlende ARIA-Attribute, leere Links oder unzureichende Farbkontraste.
Grenzen und Herausforderungen
Automatisierte Scanner können nur etwa 30-40 % aller potenziellen Barrierefreiheitsprobleme erkennen. Sie stoßen an ihre Grenzen, wenn Kontext und menschliches Urteilsvermögen gefragt sind.
- Fehlender Kontext: Ein Tool kann prüfen, ob ein Bild ein alt-Attribut hat, aber nicht, ob der Text darin den Inhalt des Bildes sinnvoll beschreibt.
- Logik und Bedienbarkeit: Die logische Reihenfolge von Elementen (z.B. in einem Formular) oder die Bedienbarkeit komplexer Widgets per Tastatur kann nicht vollständig automatisiert bewertet werden.
- Falsch-Positive: Manchmal werden Probleme gemeldet, die bei genauerer Betrachtung keine echten Barrieren darstellen.
Wann ist manuelle Prüfung nötig?
Die manuelle Prüfung schließt die Lücke, die automatisierte Tools hinterlassen. Sie ist unverzichtbar, um eine umfassende Konformität sicherzustellen. Ein Experte oder eine Expertin simuliert dabei die Nutzung durch Menschen mit verschiedenen Einschränkungen.
Kernbereiche der manuellen Überprüfung
- Tastaturbedienbarkeit: Lässt sich die gesamte Webseite ausschließlich mit der Tastatur bedienen? Ist die Fokusreihenfolge logisch und nachvollziehbar (Tab-Reihenfolge)?
- Screenreader-Kompatibilität: Werden alle Inhalte von einem Screenreader wie NVDA, JAWS oder VoiceOver korrekt vorgelesen? Sind Formulare, Buttons und dynamische Inhalte verständlich ausgezeichnet?
- Verständlichkeit und Inhalt: Ist die Sprache einfach und klar? Sind die Seitenstruktur und die Navigation intuitiv?
- Visuelle und kognitive Aspekte: Sind Animationen abschaltbar? Gibt es ablenkende Elemente? Ist die visuelle Gestaltung konsistent?
- Dynamische Inhalte: Werden Änderungen auf der Seite (z.B. Fehlermeldungen in einem Formular) für assistive Technologien korrekt kommuniziert?
Bewertungsskala: AIM, Fehlerarten und menschliche Überprüfung
Um die Ergebnisse eines Barrierefreiheit-Checks zu strukturieren, wird oft das Accessibility Impact Model (AIM) verwendet. Es klassifiziert Probleme nach ihrer Schwere und hilft bei der Priorisierung.
- Kritisch (Critical): Blockiert den Zugang zu wesentlichen Inhalten oder Funktionen für eine oder mehrere Nutzergruppen vollständig.
- Erheblich (Serious): Verursacht erhebliche Schwierigkeiten bei der Nutzung, ohne sie jedoch komplett zu blockieren.
- Moderat (Moderate): Führt zu Frustration oder Verwirrung, aber die Funktionalität bleibt im Wesentlichen erhalten.
- Gering (Minor): Ein kleines Usability-Problem, das die Nutzung nur geringfügig beeinträchtigt.
Jeder Befund aus einem automatisierten Scan sollte manuell validiert werden, um Falsch-Positive auszuschließen und die tatsächliche Auswirkung (Impact) auf den Nutzer zu bestimmen.
Praktischer Ablauf: Schritt für Schritt Check-Workflow
Ein strukturierter Barrierefreiheit-Check folgt einem klaren Prozess, um effizient und gründlich zu sein.
- Scoping: Definition der zu prüfenden Seiten und User-Flows. Typischerweise werden die Startseite, zentrale Inhaltsseiten, Kontaktformulare und Kernprozesse (z.B. ein Bestellvorgang) ausgewählt.
- Automatisierter Scan: Einsatz von Browser-Erweiterungen (z.B. axe DevTools) oder serverseitigen Scannern, um eine erste Baseline an Befunden zu erheben.
- Manuelle Validierung: Überprüfung der automatisierten Befunde. Jedes gemeldete Problem wird auf seine Relevanz und seinen Schweregrad geprüft.
- Manuelle Prüfung: Systematische Durchführung von manuellen Tests (Tastatur, Screenreader, Zoom).
- Dokumentation: Jeder Befund wird mit Screenshot (bzw. Code-Snippet), Beschreibung, betroffenem WCAG-Kriterium, Schweregrad und einem Lösungsvorschlag dokumentiert.
- Reporting: Erstellung eines zusammenfassenden Berichts für das Management und eines detaillierten technischen Berichts für das Entwicklungsteam.
Beispiel-Check: Ein textbasierter Durchlauf
Stellen Sie sich vor, wir prüfen eine fiktive Login-Seite. Ein automatisierter Scan liefert folgende Meldung: “Formularelement hat keine Beschriftung”.
- Befund: Das Eingabefeld für den Benutzernamen hat kein verknüpftes <label>-Element.
- Manuelle Verifizierung: Ein Entwickler öffnet die Entwicklerkonsole des Browsers und bestätigt, dass das <input type=”text”>-Feld zwar einen placeholder=”Benutzername” hat, aber kein explizites Label.
- Screenreader-Test: Der Screenreader liest beim Fokussieren des Feldes nur “Eingabefeld” vor, nicht aber, welche Information erwartet wird. Dies bestätigt den Befund als kritisches Problem.
- Dokumentation: Das Problem wird als “Kritisch” eingestuft, dem WCAG-Kriterium 3.3.2 (Labels or Instructions) zugeordnet und mit einem konkreten Code-Beispiel zur Behebung versehen.
Priorisierungsmatrix: Risiko, Nutzerimpact und Implementierungsaufwand
Nicht alle gefundenen Probleme können sofort behoben werden. Eine Priorisierungsmatrix hilft, die dringendsten Aufgaben zu identifizieren.
| Schweregrad (Impact) | Implementierungsaufwand | Priorität | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Kritisch | Gering | P1 (Sofort beheben) | Fehlendes Label an einem Login-Feld |
| Kritisch | Hoch | P2 (Als nächstes planen) | Kompletter Checkout-Prozess nicht per Tastatur bedienbar |
| Moderat | Gering | P2 (Als nächstes planen) | Farbkontrast eines Footers-Links ist leicht zu niedrig |
| Gering | Hoch | P3 (Später beheben) | Neustrukturierung der gesamten Seitenhierarchie für bessere Semantik |
Mapping: Befund zu WCAG 2.1 Level AA Erfolgskriterien
Jeder Befund muss einem spezifischen Erfolgskriterium der Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) zugeordnet werden. Dies ist entscheidend für die rechtliche Konformität und schafft eine gemeinsame Sprache zwischen Auditoren und Entwicklern.
- Befund: Ein Bild, das eine wichtige Information transportiert, hat kein alternatives Textattribut.
- Mapping: WCAG 2.1 Erfolgskriterium 1.1.1 Non-text Content (Level A).
- Befund: Der Text auf einem Button hat einen Farbkontrast von 3.5:1 zum Hintergrund.
- Mapping: WCAG 2.1 Erfolgskriterium 1.4.3 Contrast (Minimum) (Level AA).
- Befund: Ein Dropdown-Menü kann nicht mit den Pfeiltasten der Tastatur bedient werden.
- Mapping: WCAG 2.1 Erfolgskriterium 2.1.1 Keyboard (Level A).
CI-Integration: Beispiel mit curl und GitHub Actions
Für eine proaktive Qualitätssicherung kann ein Barrierefreiheit-Check in die Continuous Integration (CI) Pipeline integriert werden. Ab 2026 werden solche automatisierten Prüfungen zum Standard gehören. Hier ein einfaches Beispiel mit GitHub Actions, das einen hypothetischen API-Endpunkt für einen Scan aufruft.
Workflow-Datei (.github/workflows/accessibility.yml)
name: Accessibility Checkon: [pull_request]jobs: run-accessibility-scan: runs-on: ubuntu-latest steps: - name: Checkout code uses: actions/checkout@v3 - name: Trigger Scan for Staging URL id: a11y_scan run: | # Dies ist ein hypothetischer Endpunkt # Ersetze ihn durch einen echten Service API_ENDPOINT="https://accessibility-scanner.api/scan" STAGING_URL="https://staging.app-name.com" API_KEY="${{ secrets.A11Y_API_KEY }}" response=$(curl -s -w "%{http_code}" -X POST $API_ENDPOINT \ -H "Authorization: Bearer $API_KEY" \ -H "Content-Type: application/json" \ -d "{\"url\": \"$STAGING_URL\"}") http_code=${response: -3} body=${response:0:${#response}-3} if [ "$http_code" -ne 200 ]; then echo "Scan API failed with status $http_code" exit 1 fi # Angenommen, die API gibt die Anzahl der kritischen Fehler zurück critical_errors=$(echo $body | jq '.critical_errors') if [ "$critical_errors" -gt 0 ]; then echo "::error::Build failed! Found $critical_errors critical accessibility issues." exit 1 else echo "Accessibility check passed." fi
Remediation-Guide: Typische Fehler und konkrete Fixes für Entwickler
Fehler: Fehlender Alternativtext
Problem: <img src=”wichtiges-diagramm.png”>
Lösung: Fügen Sie ein aussagekräftiges alt-Attribut hinzu, das den Inhalt des Bildes beschreibt.
Code-Fix: <img src=”wichtiges-diagramm.png” alt=”Kreisdiagramm zeigt 60% Nutzeranteil für Produkt A”>
Fehler: Unzureichender Farbkontrast
Problem: Ein hellgrauer Text (#999999) wird auf einem weißen Hintergrund (#FFFFFF) verwendet.
Lösung: Passen Sie die Textfarbe an, um das WCAG-AA-Kontrastverhältnis von mindestens 4.5:1 zu erreichen.
CSS-Fix: .text-class { color: #595959; } /* Kontrastverhältnis ist jetzt 4.54:1 */
Vergleich: Kurzüberblick zu alternativen Prüfmethoden
Neben dem hier beschriebenen kombinierten Ansatz gibt es weitere Methoden:
- Konformitäts-Audits: Umfangreiche, formale Prüfungen durch externe Agenturen, die oft zu einer offiziellen Zertifizierung (z.B. nach BITV) führen.
- Usability-Tests mit Nutzern: Direkte Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen, um reale Nutzungsszenarien zu testen. Dies liefert wertvolle qualitative Einblicke, die kein Tool bieten kann.
- Heuristische Evaluation: Ein oder mehrere Accessibility-Experten bewerten eine Webseite anhand etablierter Heuristiken und Richtlinien.
Reporting und Governance: Berichtsstruktur, Verantwortlichkeiten und Monitoring
Ein guter Barrierefreiheit-Check endet nicht mit einer Fehlerliste, sondern etabliert einen nachhaltigen Prozess. Die Governance regelt, wer für die Barrierefreiheit verantwortlich ist und wie der Fortschritt überwacht wird.
Struktur eines Abschlussberichts
- Management Summary: Überblick über den Konformitätsstatus und die kritischsten Befunde.
- Detaillierte Befundliste: Alle identifizierten Probleme, priorisiert und mit WCAG-Mapping.
- Methodik: Beschreibung der geprüften Seiten, verwendeten Tools und Testumgebungen.
- Nächste Schritte: Konkrete Handlungsempfehlungen für die Behebung und zukünftige Prävention.
Die Etablierung klarer Verantwortlichkeiten und regelmäßiges Monitoring sind entscheidend für den langfristigen Erfolg. Organisationen wie die Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit e.V. (GDD) oder der Berufsverband der Datenschutzbeauftragten Deutschlands e.V. (BvD) bieten Rahmenwerke für Compliance und Governance, deren Prinzipien auch auf die Steuerung von Barrierefreiheitsthemen übertragen werden können.
FAQ: Häufige Fragen und Missverständnisse
Ist Barrierefreiheit nicht nur für blinde Menschen relevant?
Nein. Barrierefreiheit kommt vielen Nutzergruppen zugute, darunter Menschen mit Sehbehinderungen, Hörverlust, motorischen Einschränkungen, kognitiven Behinderungen sowie Nutzern mit temporären Einschränkungen (z.B. einem gebrochenen Arm) oder situativen Einschränkungen (z.B. grelles Sonnenlicht auf dem Display).
Reicht ein 100%-Score in einem automatisierten Tool aus?
Nein. Wie bereits erwähnt, erkennen diese Tools nur einen Teil der möglichen Probleme. Ein perfekter Score ist ein gutes Zeichen, aber keine Garantie für vollständige Barrierefreiheit. Eine manuelle Prüfung ist immer notwendig.
Ist ein Barrierefreiheit-Check eine einmalige Angelegenheit?
Nein. Barrierefreiheit ist ein kontinuierlicher Prozess. Mit jeder neuen Funktion oder Inhaltsänderung können neue Barrieren entstehen. Regelmäßige Checks, idealerweise in den Entwicklungszyklus integriert, sind unerlässlich.
Anhang: Prüflisten, Snippets und weiterführende Referenzen
Kurz-Prüfliste für manuelle Tests
- Titel: Hat jede Seite einen einzigartigen und aussagekräftigen <title>?
- Tastatur: Kann die gesamte Seite ohne Maus bedient werden? Ist der Fokus immer sichtbar?
- Überschriften: Ist die Überschriftenhierarchie (h1-h6) logisch und korrekt strukturiert?
- Links: Ist der Zweck jedes Links aus dem Linktext allein verständlich?
- Formulare: Hat jedes Feld ein <label>? Sind Fehlermeldungen klar und verständlich?
Weiterführende Referenzen
- Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1
- WAI-ARIA Authoring Practices
- Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (BITV 2.0)
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