Mobile Barrierefreiheit: Inklusive Apps und Webseiten gestalten

Mobile Barrierefreiheit: Inklusive Apps und Webseiten gestalten

Inhaltsverzeichnis

Einführung: Was ist mobile Barrierefreiheit und warum ist sie wichtig?

Die Welt ist mobil geworden. Wir nutzen Smartphones und Tablets für fast alles – von der Kommunikation über das Online-Banking bis hin zum Einkaufen. Doch sind diese mobilen Erlebnisse für jeden zugänglich? Hier kommt die mobile Barrierefreiheit ins Spiel. Sie bezeichnet die Gestaltung und Entwicklung von mobilen Webseiten und Apps derart, dass sie von allen Menschen, einschließlich Personen mit Behinderungen, uneingeschränkt genutzt werden können. Dies umfasst Menschen mit Seh-, Hör-, motorischen oder kognitiven Einschränkungen.

Die Bedeutung der mobilen Barrierefreiheit geht jedoch weit über die Inklusion von Menschen mit Behinderungen hinaus. Eine barrierefreie mobile Anwendung ist oft auch eine benutzerfreundlichere Anwendung für alle. Denken Sie an eine Situation, in der Sie in einer lauten Umgebung ein Video ohne Ton ansehen müssen oder bei starkem Sonnenlicht Schwierigkeiten haben, den Bildschirm zu erkennen. In diesen Momenten profitieren auch Sie von Untertiteln und hohen Farbkontrasten – beides Kernaspekte der Barrierefreiheit. In einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft ist die Gewährleistung einer umfassenden mobilen Barrierefreiheit nicht nur eine ethische Verpflichtung, sondern auch ein entscheidender Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg und die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens.

Rechtliche Rahmenbedingungen und Standards (BFSG, WCAG 2.2)

Spätestens seit dem Inkrafttreten des European Accessibility Act (EAA), umgesetzt in deutsches Recht durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), ist die mobile Barrierefreiheit auch eine rechtliche Notwendigkeit. Das BFSG verpflichtet viele privatwirtschaftliche Akteure, ihre Produkte und Dienstleistungen, einschließlich Webseiten und mobiler Anwendungen, ab dem 28. Juni 2025 barrierefrei anzubieten.

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG)

Das BFSG zielt darauf ab, einen einheitlichen Standard für Barrierefreiheit im europäischen Binnenmarkt zu schaffen. Es betrifft eine Vielzahl von Produkten und Dienstleistungen, darunter:

  • Computer und Betriebssysteme
  • Smartphones und andere mobile Geräte
  • Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr (Online-Shops)
  • Bankdienstleistungen
  • Personenverkehrsdienstleistungen (Apps zum Ticketkauf)
  • E-Books

Für Unternehmen bedeutet dies, dass die Auseinandersetzung mit mobiler Barrierefreiheit keine Option mehr ist, sondern eine unumgängliche Anforderung darstellt, um rechtssicher zu agieren und Marktzugangsbeschränkungen zu vermeiden.

WCAG 2.2 und BITV 2.0

Doch wie wird Barrierefreiheit technisch definiert? Der international anerkannte Standard hierfür sind die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG). Die aktuelle Version, WCAG 2.2, definiert eine Reihe von Erfolgskriterien auf drei Konformitätsstufen (A, AA, AAA), die als Leitfaden für die Erstellung barrierefreier digitaler Inhalte dienen. Für den öffentlichen Sektor in Deutschland ist die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) maßgeblich, die sich stark an den WCAG orientiert. Das BFSG verweist ebenfalls auf diese Standards, wodurch sie auch für die Privatwirtschaft zur zentralen Referenz werden. Weitere Informationen stellt auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bereit.

Grundprinzipien der mobilen Barrierefreiheit

Die WCAG basieren auf vier fundamentalen Prinzipien, die sicherstellen, dass digitale Inhalte für alle zugänglich sind. Diese, bekannt als die POUR-Prinzipien, sind der Grundpfeiler jeder Strategie für mobile Barrierefreiheit.

1. Wahrnehmbar (Perceivable)

Informationen und Bestandteile der Benutzeroberfläche müssen den Nutzern so präsentiert werden, dass sie sie wahrnehmen können. Das bedeutet:

  • Textalternativen: Alle nicht-textuellen Inhalte (wie Icons) benötigen eine Textalternative, die von Screenreadern vorgelesen werden kann.
  • Anpassbarkeit: Inhalte müssen ohne Informationsverlust in verschiedenen Formaten darstellbar sein, zum Beispiel mit vergrößertem Text oder in einem vereinfachten Layout.
  • Unterscheidbarkeit: Es muss einfach sein, Inhalte zu sehen und zu hören. Dies schließt ausreichende Farbkontraste und eine anpassbare Lautstärke ein.

2. Bedienbar (Operable)

Komponenten der Benutzeroberfläche und die Navigation müssen bedienbar sein. Niemand darf von der Interaktion ausgeschlossen werden.

  • Tastaturzugänglichkeit: Alle Funktionen müssen per Tastatur (oder einer Tastaturschnittstelle auf Touch-Geräten) erreichbar sein.
  • Genügend Zeit: Nutzer müssen ausreichend Zeit haben, um Inhalte zu lesen und zu nutzen. Zeitlimits sollten vermeidbar oder anpassbar sein.
  • Navigierbarkeit: Es müssen Mittel zur Verfügung stehen, die Nutzern helfen, zu navigieren, Inhalte zu finden und ihre Position zu bestimmen (z.B. durch klare Überschriftenstrukturen).

3. Verständlich (Understandable)

Informationen und die Bedienung der Benutzeroberfläche müssen verständlich sein.

  • Lesbarkeit: Texte müssen lesbar und verständlich sein. Die Sprache des Inhalts sollte programmatisch erkennbar sein.
  • Vorhersehbarkeit: Webseiten und Apps sollten auf eine vorhersagbare Weise erscheinen und funktionieren.
  • Eingabehilfe: Nutzer müssen dabei unterstützt werden, Fehler zu vermeiden und zu korrigieren, beispielsweise durch klare Anweisungen und Fehlermeldungen in Formularen.

4. Robust (Robust)

Inhalte müssen robust genug sein, damit sie von einer Vielzahl von Benutzeragenten, einschließlich assistiver Technologien (wie Screenreadern), zuverlässig interpretiert werden können.

  • Kompatibilität: Inhalte müssen gängige Webstandards einhalten und sauberen, validen Code verwenden, um die Kompatibilität mit aktuellen und zukünftigen Technologien zu gewährleisten.

Design für alle: Inklusive UX auf mobilen Geräten

Eine erfolgreiche mobile Barrierefreiheit beginnt lange vor der ersten Zeile Code – nämlich im Designprozess. Ein inklusives User Experience (UX) Design stellt sicher, dass die Anwendung von vornherein für eine breite Nutzergruppe konzipiert wird.

Kontraste und Lesbarkeit

Ein ausreichender Farbkontrast zwischen Text und Hintergrund ist entscheidend für Nutzer mit Sehbehinderungen, aber auch für jeden, der sein Smartphone bei hellem Umgebungslicht verwendet. Die WCAG fordern ein Mindestkontrastverhältnis von 4.5:1 für normalen Text (Stufe AA). Tools zur Kontrastprüfung sollten ein fester Bestandteil des Design-Workflows sein.

Interaktive Elemente

Auf Touchscreens ist die Größe und der Abstand von interaktiven Elementen wie Buttons und Links von großer Bedeutung. Zu kleine oder zu eng beieinander liegende Ziele sind für Menschen mit motorischen Einschränkungen schwer zu treffen. Die WCAG 2.2 empfehlen eine minimale Zielgröße von 24 mal 24 CSS-Pixeln. Sorgen Sie zudem für ausreichend Abstand zwischen den Elementen, um Fehleingaben zu vermeiden.

Konsistente Navigation

Eine klare, konsistente und vorhersehbare Navigation ist ein Segen für alle Nutzer, insbesondere aber für Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Screenreader-Nutzer. Wichtige Navigationselemente sollten auf allen Bildschirmen an der gleichen Stelle zu finden sein und eindeutig beschriftet werden.

Technische Umsetzung: Best Practices für Entwickler

Nachdem das Design die Grundlagen gelegt hat, ist es an der Entwicklung, die mobile Barrierefreiheit technisch umzusetzen. Saubere und standardkonforme Programmierung ist hier der Schlüssel.

Semantisches HTML

Die Verwendung von semantisch korrekten HTML-Elementen ist die Basis für eine barrierefreie Webseite. Nutzen Sie `